Hochbegabung & Unterforderung: wenn Langeweile wie ein Problem aussieht
Wenn von Förderbedarf die Rede ist, denkt man fast automatisch an Kinder, die hinterherkommen. Das andere Ende des Spektrums gerät leicht aus dem Blick – die Kinder, die zu schnell fertig sind, sich langweilen und genau deshalb auffällig werden. Sie passen nicht ins gängige Bild vom Problemkind, machen aber oft dieselben Schwierigkeiten: Sie träumen weg, verweigern, oder stören. Und werden dafür getadelt, statt verstanden.
Unterforderung sieht aus wie das Gegenteil von Begabung
Das Tückische an chronischer Langeweile ist, dass sie sich tarnt. Ein Kind, das die Aufgabe in zwei Minuten gelöst hat und dann zwanzig Minuten warten soll, schaltet ab – und ein abgeschaltetes Kind sieht aus wie ein unkonzentriertes. Manche fangen an, Unsinn zu machen, und gelten dann als Störenfriede. Andere verweigern Aufgaben, die ihnen zu stumpf sind, und gelten als faul. Wieder andere passen sich an, machen Flüchtigkeitsfehler aus reiner Unaufmerksamkeit und bekommen am Ende sogar schlechte Noten. Von außen ist das Bild dasselbe wie bei einem überforderten Kind. Die Ursache ist die entgegengesetzte.
Ein unterfordertes Kind und ein überfordertes Kind sehen von außen oft gleich aus – beide steigen aus.
Mehr vom Gleichen ist keine Lösung
Der gut gemeinte Reflex, einem schnellen Kind einfach mehr Aufgaben derselben Sorte zu geben, geht nach hinten los. Wer ein Arbeitsblatt in der halben Zeit schafft, erlebt zwei Arbeitsblätter nicht als Förderung, sondern als Strafe fürs Schnellsein. Was diese Kinder brauchen, ist nicht mehr Menge, sondern mehr Tiefe: dieselbe Sache schwerer, kniffliger, offener – eine Frage ohne vorgegebene Antwort, ein Problem mit mehreren Wegen. Die Herausforderung muss steigen, nicht die Stückzahl.
Dasselbe Problem von der anderen Seite
Im Grunde ist das genau die Schwierigkeit, die jede Lehrkraft mit einer heterogenen Klasse kennt, nur vom oberen Ende her: Eine Aufgabe, die für die Mitte passt, ist für die Schnellen zu leicht und für die Langsamen zu schwer. Eine Klasse von Hand in drei Niveaus zu teilen, ist im Alltag kaum zu schaffen – warum, haben wir an anderer Stelle beschrieben (Differenzierung: das Versprechen, das wir selten halten). Die einzige Form von Anpassung, die wirklich skaliert, ist die, die sich automatisch an das einzelne Kind richtet – nach unten wie nach oben.
Wie FaWi das angeht
FaWi passt die Schwierigkeit pro Konzept an die tatsächliche Leistung an – und das gilt in beide Richtungen. Ein Kind, das ein Thema sicher beherrscht, bekommt nicht mehr vom Gleichen, sondern anspruchsvollere Aufgaben, sodass es gefordert bleibt, statt zu warten. So findet auch das schnelle, gelangweilte Kind wieder den Punkt, an dem Lernen interessant wird. Mehr dazu, wie FaWi unterschiedliche Bedürfnisse trägt, auf der Seite FaWi für Inklusion & Förderbedarf.
