FÜR ELTERN

Warum Ihr Kind nicht faul ist, wenn es nicht liest

Es ist halb acht, das Buch liegt aufgeschlagen auf der Bettdecke, und Ihr Kind findet plötzlich alles spannender als die nächste Seite: einen losen Faden am Ärmel, die Frage, ob Fische eigentlich schlafen, die Maserung der Zimmerdecke. Wer Kinder abends zum Lesen bringen will, kennt diese Szene. Und viele Eltern ziehen denselben Schluss daraus: Mein Kind ist lesefaul.

Die Erklärung ist bequem – und meistens falsch. Dasselbe Kind, das sich vor zwei Seiten Lesebuch windet, baut eine Stunde lang konzentriert an einer Kissenhöhle, merkt sich die Namen von vierzig Sammelkarten und erzählt jede Wendung seines Lieblingsfilms in der richtigen Reihenfolge. Die Aufmerksamkeit ist also da. Sie richtet sich nur woandershin.

Nicht das Lesen ist das Problem, sondern die Bedeutungslosigkeit

Wenn man genauer hinsieht, steckt hinter „keine Lust" fast immer einer von zwei Gründen. Der erste ist mechanisch: Der Text ist zu schwer. Ein Kind, das jedes dritte Wort mühsam entziffern muss, erlebt keine Geschichte, sondern Schwerstarbeit. Die Bilder im Kopf entstehen nicht, weil die ganze Energie ins Entschlüsseln fließt. Und Anstrengung ohne Belohnung hält niemand lange durch – Erwachsene auch nicht.

Der zweite Grund ist leiser und kommt häufiger vor: Das Kind hat mit dem Text schlicht nichts zu tun. Es liest, weil es lesen soll. Die Geschichte läuft genauso ab, ob es nun umblättert oder nicht. Nichts, was das Kind denkt oder will, ändert etwas am Ausgang. Genau hier verläuft die Trennlinie zwischen einem Kind, das liest, und einem, das lesen muss.

Kinder strengen sich für Dinge an, bei denen ihre Entscheidung etwas bewirkt.

Was Motivationsforscher seit Jahrzehnten beschreiben

Die Psychologen Edward Deci und Richard Ryan haben mit ihrer Selbstbestimmungstheorie eine einfache Beobachtung in Worte gefasst: Menschen bleiben bei einer Sache, wenn drei Dinge zusammenkommen. Sie müssen das Gefühl haben, selbst etwas mitzubestimmen. Sie müssen erleben, dass sie es können. Und es sollte sich nach etwas anfühlen, das mit ihnen zu tun hat.

Übersetzt auf den Lesetisch heißt das: Ein selbst gewähltes Buch über Haie schlägt das vorgeschriebene über die Ritterzeit fast immer – nicht weil Haie objektiv spannender sind, sondern weil die Wahl dem Kind gehört. Ein Text, der knapp über dem eigenen Niveau liegt, zieht; einer, der weit darüber liegt, stößt ab. Und eine Geschichte, in der die eigene Entscheidung den Verlauf verändert, wird zu Ende gelesen – weil das Kind wissen will, was sein Tun bewirkt hat.

Der Unterschied, den eine Entscheidung macht

Stellen Sie sich zwei Versionen derselben Geschichte vor. In der ersten geht ein Mädchen in einen Wald, trifft einen Fuchs, folgt dem Pfad nach links und findet eine Höhle. Ihr Kind liest das – oder eben nicht. In der zweiten Version steht am Ende des Absatzes eine Frage: Gehst du nach links zum Bach oder rechts zur Höhle? Plötzlich liest Ihr Kind nicht mehr über jemanden. Es ist selbst im Wald. Es liest weiter, weil es herausfinden will, wohin der eigene Weg führt.

Dieser kleine Hebel – aus „zuschauen" wird „mitentscheiden" – verändert die Leseerfahrung grundlegender, als jedes Belohnungssystem es je könnte. Sticker und Punktepläne wirken kurz und verpuffen, sobald sie wegfallen, weil sie die Motivation von außen ankleben. Eine Entscheidung, die etwas bewirkt, kommt von innen.

Was sich heute Abend ändern lässt

Sie müssen dafür nicht Ihr ganzes Vorlese-Ritual umbauen. Es reicht oft, dem Kind die Wahl zurückzugeben: Lassen Sie es das Buch aussuchen, auch wenn es das vierte Mal dasselbe ist. Greifen Sie zu Texten über das, was Ihr Kind ohnehin schon liebt – Fußball, Weltraum, Pferde, Dinosaurier zählt alles. Halten Sie die Häppchen kurz, damit ein Erfolgserlebnis in Reichweite bleibt. Und wenn das Entziffern noch hakt, lesen Sie gemeinsam: eine Stimme, die mitliest und das gerade gelesene Wort hervorhebt, nimmt den Druck und stützt das Selbstvertrauen.

Vor allem aber: Hören Sie auf, von Faulheit zu sprechen. Ein Kind, das nicht liest, hat fast nie zu wenig Disziplin. Es hat zu wenig Grund.

Wenn das Lesen selbst zum Spiel wird

Genau an diesem Punkt setzt FaWi an. Statt eines festen Textes bekommt Ihr Kind eine Geschichte, in der es an jeder Weggabelung mitentscheidet – und dabei ganz nebenbei Schulstoff aus Biologie, Mathe oder Geschichte aufnimmt. Die Texte passen sich an Klassenstufe und Lesetempo an, sodass die Schwelle zwischen „zu leicht" und „zu schwer" stimmt. Aus „Ich muss noch lesen" wird, im besten Fall, „Nur noch ein Kapitel".

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